„Herr Spitzar, wieso machen Sie sich nicht dreckig?“

„Herr Spitzar, wieso machen Sie sich nicht dreckig?“
Marco Spitzar

Das war eine häufig gestellte Frage von Bruno Gironcoli an den Künstler Marco Spitzar. Doch Spitzar sieht Künstler eben auch als gute Verkäufer, da sie „Überzeugungstäter sind“. Die Folge – Selbstbewusstsein und Geradlinigkeit.

Marco Spitzar, Sie sind Inhaber der gleichnamigen Agentur und im Land als Fachmann für Kommunikation bekannt. Jetzt treten Sie als Künstler in die Öffentlichkeit. Welchen Stellenwert hat diese Kunst für Sie?
Meine Kunst ist nicht nur Kunst um der Kunst willen, sondern sie beschäftigt sich mit Grundwerten des menschlichen Seins und dessen Fragen: Größe, Macht und Selbstbewusstsein. Dass diese Charakterzüge relativ sind und oft von der Tagesverfassung abhängen, in der sich das Individuum befindet. Wie es mir geht. Wie es meinem Gegenüber geht. Dass Größe, Macht und Einstellung in jeder Beziehung eine wichtige Rolle spielen in Bezug auf die Kommunikation.
In Ihrem Gesamtwerk spielt ein Kontobuch aus den 40er Jahren eine tragende Rolle. Sie verwenden die einzelnen Blätter als Träger vieler Ihrer Darstellungen.

Daneben fällt außerdem die Darstellung Ihrer Figuren in Anzügen auf. Was hat es damit auf sich?
Das Kontobuch stammt original aus den 40er Jahren und ist Symbol für die unsägliche Geschichte. Deshalb ist auch der Grundton der Bilder aus dieser Serie in einem markanten Braun gehalten. Obwohl ich diese Zeit nicht selbst erlebt habe, war sie durch die Erzählungen meines Vaters immer präsent und hat mich wesentlich beeinflusst in meinem Tun und Denken. Anzüge sind deshalb für mich wichtig, weil ich mich als Mensch einer Businesswelt sehe, sie wahrnehme und beobachte und mir meine eigenen Gedanken mache.

Warum „Eine Frage der Größe“?
Ganz einfach: „Eine Frage der Größe“ ist nicht auf Körperlichkeit reduziert, sie impliziert Charaktereigenschaften und seelische Zustände und Verhältnisse. Meine Geschichten sind sehr klar: die Kriegserlebnisse meiner Eltern, ihr Umgang damit, ihre Herkunft und der Verlust der gesellschaftlichen Stellung ihrer Familien, die Entwurzelung und das Suchen ihrer Identität, die auch meine eigene beschäftigt.

Sie gehen bewusst einen anderen Weg als viele Ihrer Künstlerkollegen. Sie haben ja viele Jahre nicht ausgestellt, ja sind als Künstler kaum in die Öffentlichkeit getreten. Was ist der Grund dafür?
Ich denke, mein Verständnis von Kunst und meine Arbeitsweise entsprechen nicht dem gängigen Bild, das man von einem Künstler hat. Ich habe für mich viel Zeit in Anspruch genommen, um meine Ideen und Vorstellungen reifen zu lassen. Zudem ebnete mir meine frühe Begegnung mit der Kunst – ich war gerade einmal 15 – den Weg zur Kommunikation, wo ich heute in meinem Brotberuf tätig bin. Diese Arbeit, die mir Freude bereitet, gibt mir die Unabhängigkeit, die ich in meinem Kunstschaffen brauche. Kunst auf Bestellung zu produzieren war für mich nie etwas Erstrebenswertes und in jungen Jahren empfand ich diesen Zugang zur Kunst als absurd.

Wie schwierig war es für Sie, nach Ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien – Sie waren ja in der Meisterklasse von Bruno Gironcoli und sind gelernter Bildhauer – in der Werbebranche Fuß zu fassen?
Schon zu meiner Zeit an der Akademie war es noch sehr untypisch, dass ein Künstler organisiert ist, dass er plant und sogar Anzüge trägt. „Herr Spitzar, wieso machen Sie sich nicht dreckig?“ Das war eine oft gestellte Frage meines Professors Gironcoli. Für mich war es nie wichtig, alles selber zu machen, für mich ist wichtig, dass ich ein klares Konzept und Ziele habe. Eine wichtige Grundlage um zu kommunizieren. Später hatte ich das Glück, zu einer Zeit, als die Werbebranche boomte, in dieses Metier einzusteigen. In der klassischen Werbung waren kreative Quereinsteiger gerne gesehen und so gelang es mir, mich zu etablieren. Ich habe in vielen großen Agenturen gelernt und das mitgenommen, was mir brauchbar schien. Und so leite ich seit 1994 mein eigenes Unternehmen in Dornbirn.

Inwiefern hat diese Arbeit Ihre künstlerische Entwicklung beeinflusst? Wie haben Sie es geschafft, diesen zeitaufwändigen Beruf mit Ihrem Kunstschaffen zu kombinieren?
Ich habe mich immer in der Kleinheit meiner Kunst bestens zurechtgefunden. Und das merkt man jetzt. Ich habe nie aufgehört, mich künstlerisch zu betätigen, habe immer gearbeitet in meinem Atelier. Ich habe gesammelt und kann jetzt auf ein großes Oeuvre schauen, das mir das Schaffen meiner letzten 25 Jahre vor Augen führt. Und jetzt mache ich wieder die ersten kleinen Schritte in die Öffentlichkeit. Ich folge dem Motto: Nichts verlangen, aber viel geben. Diese Position gibt mir den Luxus, in der Kunst völlig stressfrei zu agieren und meine Vorstellungen weiterzutreiben.

Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte zwischen Kunst und Wirtschaft in Ihrem speziellen Fall?
Bei mir finden diese Anknüpfungspunkte ganz direkt statt – zum einen, weil ich in dieser Welt selbst zu Hause bin, und zum anderen, weil die beiden Welten nicht so unterschiedlich sind, wie viele meinen mögen. Künstler beispielsweise sind gute Verkäufer, weil sie Überzeugungstäter sind und dadurch oft  selbstbewusst und geradlinig wirken. Außerdem sind sie auch Unternehmer. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Unternehmer sehr viel künstlerisches Potenzial in sich tragen. Sie sind Erfinder, sie treiben Visionen voran, die man noch nicht greifbar vor sich sehen kann – und diese müssen sie auch überzeugend präsentieren, um Mitstreiter, Partner und Kunden für ihre Idee zu gewinnen. Das ist nichts anderes als Bilder zu malen. Und wir wissen ja: Malen hat nicht immer nur mit Pinsel oder Bleistift zu tun. Animationen, Filme, Objekte, Modelle sind genauso Möglichkeiten, seine Inhalte zu übersetzen.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Die Zukunft beginnt jetzt, indem ich bereit war, diesen ersten kleinen Schritt nach langen Jahren wieder zu gehen. Ich glaube, meine künstlerische Aktivität steht dem des Kommunikationsunternehmens nicht mehr im Wege. Sie können sich jetzt gegenseitig befruchten und deswegen habe ich auch solange zugewartet. Eine Ausstellung pro Jahr in einem gehobenen, kulturverständigen Umfeld wäre ideal. Daraus könnte einiges entstehen – durch Konzentration und Kommunikation, also durch diese beiden wertvollen Teile, die mich ohnehin immer beschäftigen.

Zur Person:
Marco Spitzar ist nicht nur Inhaber der gleichnamigen Kommunikationsagentur, sondern auch Künstler. Was viele nicht wissen: Spitzar schließt 1992 an der Akademie der bildenden Künste in Wien das Studium der Bildhauerei in der Meisterklasse von Bruno Gironcoli ab. Noch während des Studiums wechselt er in die Werbebranche und gründet im Jahre 1999 sein eigenes Unternehmen.

Ausstellung:
Galerie Z in Hard, Landstraße 11
4.4.2013 – 4.5.2013
Publikation:
Marco Spitzar, Feldkircher Klaus: Eine Frage der Größe; Bucher; Hohenems 2013


 

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