Projekt Bank für Gemeinwohl: Gemeinwohl-Ökonomie feiert 5-jähriges Bestehen

Projekt Bank für Gemeinwohl: Gemeinwohl-Ökonomie feiert 5-jähriges Bestehen
Univ.-Lektor Mag. Christian Felber, Buchautor und Mitinitiator der Gemeinwohl-Ökonomie (Foto: Robert Gortana)

Wien (A) Die Zeit ist reif für eine Gemeinwohl-Ökonomie und eine Bank für Gemeinwohl. In ihrem 5-jährigen Bestehen verbreitete und organisierte sich die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie in bereits 50 Ländern. Fast 2.000 Unternehmen haben sich der Bewegung angeschlossen, 70.000 verkaufte Gemeinwohl-Ökonomie-Bücher und erste Gemeinwohl-Gemeinden zeigen die große Resonanz des Modells in der Bevölkerung.

Auch die Gründung der Bank für Gemeinwohl, die seit 2010 vorangetrieben wird, hat im vergangenen Jahr große Dynamik gewonnen. Derzeit umfasst die Genossenschaft fast 2.800 Mitglieder, die ein Startkapital von zwei Millionen Euro bereit gestellt haben.

In einer Pressekonferenz in den Räumlichkeiten des Projektes Bank für Gemeinwohl in Wien präsentierten dieses erste ethische Alternativbank-Projekt und die Gemeinwohl-Ökonomie die Erfolge ihrer ersten 5 Jahre und informierten über die weiteren Schritte.

Weltweite Verbreitung der Gemeinwohl-Ökonomie
„Die rasche Verbreitung der Idee der Gemeinwohl-Ökonomie zeigt die länderübergreifende Sehnsucht der Menschen nach einem neuen, ethischen Wirtschaftssystem, das uns Menschen und dem Gemeinwohl dient“, sagte Christian Felber, Buchautor und Mitinitiator der Gemeinwohl-Bewegung. Statt rücksichtsloser Profitmaximierung soll das Wohl aller Menschen und die ökologische Verantwortung im Mittelpunkt stehen. Am Beginn der Bewegung im Jahr 2010 in Österreich standen 12 engagierte Unternehmen, die gemeinsam mit Christian Felber das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie entwickelten. Ausgehend von Wien hat sich die Gemeinwohl-Ökonomie in fünf Jahren weltweit verbreitet: Fast 2.000 Unternehmen, über 250 Vereine, rund 20 Gemeinden und mehr als 6.000 Privatpersonen unterstützen aktiv die Bewegung. In mehr als 100 lokalen Gemeinwohl-Gruppen wird aktuell die Gemeinwohl-Idee verbreitet und weiterentwickelt. Der ergebnisoffene Weg zu einer gemeinwohlorientierten Wirtschaftsordnung soll so langfristig in demokratischen Wirtschaftskonventen entwickelt, vom Volk als Souverän entschieden und in den nationalen Verfassungen und EU-Verträgen verankert werden.

Gemeinwohlökonomie-Projekte in Forschung, Politik und Gemeinden
Beispiel Forschung: Die Gemeinwohl-Bilanz wird seit 1. März 2015 von der Europa Universität Flensburg (Norbert Elias Center) genau unter die Lupe genommen. Mit Praxispartnern wie der Deutschen Post, dem dm drogerie markt, dem Anbieter für Öko-Tiefkühlkost Ökofrost oder dem Outdoor-Ausstatter VAUDE startete das Forschungsprojekt „Gemeinwohl-Ökonomie im Vergleich unternehmerischer Nachhaltigkeitsstrategien“. Im deutschen Sprachraum haben bereits 180 Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt, darunter auch die drei Hochschulen FH Burgenland, International Graduate Center Bremen und die Business School Lausanne.

Beispiel Politik: Mit 1. Jänner 2017 wird die EU-Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung in Kraft treten. Großunternehmen mit über 500 Beschäftigten müssen ab diesem Zeitpunkt verpflichtend sogenannte „Nichtfinanz-Berichte“ vorlegen. Die Gemeinwohl-Ökonomie strebt eine Anerkennung der Gemeinwohl-Bilanz als Berichtstandard innerhalb dieser EU-Richtlinie an. Unabhängig davon erfolgte eine Abstimmung über die Gemeinwohl-Ökonomie im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) mit einer überragenden Mehrheit von 86% Zustimmung im September 2015. Im Oktober und Dezember wurde in zwei Veranstaltungen des Europaparlaments über die Gemeinwohl-Ökonomie als nachhaltiges Wirtschaftsmodell für den sozialen Zusammenhalt diskutiert; weitere Parlamentsaktivitäten zur Gemeinwohl-Ökonomie werden folgen.

Zudem empfiehlt der EWSA die Gründung von Gemeinwohl-Banken – mit Nennung der österreichischen Gemeinwohl-Bank als vorbildlichen Prototyp – sowie die Gründung sogenannter „Gemeinwohl-Börsen“ durch gemeinwohlorientierte ethische Banken. Deren Investoren „würden eine andere Art von Gewinn anstreben, bspw. Sinn, Nutzwerte und Ethik (die sog. ’triple Skyline’). Die europäischen Bürger und Bürgerinnen und Unternehmen hätten so die Möglichkeit, ethische Investitionen auf der Grundlage jener Werte zu tätigen, die den Verfassungen der Mitgliedstaaten und den EU-Verträgen zugrunde liegen“, so der EWSA in seiner Stellungnahme vom 17. September 2015.

Beispiel Gemeinden: Die drei spanischen Gemeinden Miranda de Azán (Salamanca), Carcaboso (Extremadura) und Orendain (Baskenland) sind die ersten Gemeinwohl-Gemeinden Spaniens. In Südtirol bilden die vier Gemeinden Laas, Mals, Latsch und Schlanders die weltweit erste Gemeinwohl-Region. Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie ist es, auf kommunaler Ebene mit Wirtschaftskonventen Praxiserfahrung für einen demokratischen Prozess zur Neuformulierung des Wirtschaftsteils der Verfassung zu sammeln.

Projekt Bank für Gemeinwohl vor Start
Das Projekt einer Bank für Gemeinwohl startete 2010 als Verein tatkräftiger Menschen, die entschlossen waren, sich für einen Wandel am österreichischen Finanzmarkt persönlich zu engagieren. Durch die Bankenkrise hatte ein großer Vertrauensbruch stattgefunden. Nun sollte eine Bank in Österreich entstehen, die dieses Vertrauen wieder herstellt und zu den ursprünglichen Kerngeschäften von Geldinstituten zurückkehrt: Kredite, Sparen, Zahlungsverkehr. „Wir werden eine Bank sein, die nicht zockt und die ihren Kunden und Kundinnen transparent macht, was mit den anvertrauten Geldern passiert. Wir werden Projekte unterstützen, die dem Gemeinwohl dienen, wie zum Beispiel alternative Energie, Wohnprojekte und Bildungsinitiativen“, erläuterte Vorständin Christine Tschütscher die Pläne der zukünftigen Bank. In den letzten fünf Jahren ist viel passiert: 2012 wurde vom strategischen Bankenconsultant Ralf Widtmann ein Business Plan entwickelt. 2014 wurde die Bank als Freie Genossenschaft eingetragen, seither schreitet die Gründung voran. Im zweiten Halbjahr 2015 wurden von rund 2.800 Privatpersonen knapp zwei Millionen Euro an Startkapital gezeichnet. Diese Genossenschafterinnen und Genossenschafter werden Teil einer visionären Community und können im Rahmen von Abstimmungen und Versammlungen die Entwicklungen der Bank mitgestalten. Ab 200 Euro ist jede und jeder eingeladen, die Bank mitzugründen. Zum kürzlich gewählten Aufsichtsrat zählen mehrere Bankvorstände anderer Institute – ein Zeichen dafür, dass die Gründung der ersten ethischen Alternativbank in Österreich auch in der zukünftigen KollegInnenschaft Rückhalt findet. Sobald sechs Millionen Euro Startkapital erreicht sind, wird der Banklizensierungsprozess bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht FMA begonnen. Demnächst wird der neue Vorstand Marktfolge präsentiert.

 

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