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Referent Dr. Günther Reinelt, Einkaufsleiter der Miele & Cie. KG

5. BME-Bodensee-Forum zu erfolgreichen Beschaffungsstrategien

26. Juni 2012 | 08:13 Autor: BME Vorarlberg

Dornbirn (A) Die Bodensee-Region ist zu einem leistungsstarken Wirtschaftsraum in Europa geworden. Großen Anteil an dieser Entwicklung hat der industrielle Einkauf der Unternehmen in den Anrainerstaaten Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein. Konsequentes Local Sourcing, das Aufspüren und Nutzen von Beschaffungsquellen in unmittelbarer Umgebung der Unternehmen, ist dabei einer der wichtigsten Stellhebel für den Geschäftserfolg. 

Damit lässt sich nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen steigern; lokale Beschaffung beschleunigt auch die Kommunikationswege und senkt Transportkosten. Das ist das Fazit des 5. Internationalen Bodensee-Forums für Einkauf und Materialwirtschaft. Die Einkäuferverbände Deutschlands (BME), Österreichs (BMÖ) und der Schweiz (Procure.ch) hatten am 19. Juni gemeinsam mit dem WIFI – Wirtschaftsförderungsinstitut der Wirtschaftskammer Vorarlberg mehr als 70 Einkaufsmanager zum Erfahrungsaustausch nach Dornbirn eingeladen. Auf der Fachveranstaltung wurde aber auch klar herausgestellt, dass sich lokale Beschaffung und global Sourcing sinnvoll ergänzen müssen. Und: Nicht nur Weltmarktführer, sondern auch regional operierende Firmen sollten die Kostenvorteile internationaler Beschaffungsmärkte für sich nutzen.

„Angesichts immer volatiler werdender Märkte wird das erfolgreiche Navigieren für die Unternehmen zu einem wesentlichen Wettbewerbsfaktor. Der Einkauf kann hierbei einen entscheidenden Beitrag leisten, damit die Supply Chains agil bleiben“, betonte Dr. Günther Reinelt, Einkaufsleiter beim Gütersloher Hausgerätehersteller Miele. Gleichzeitig stehe die Beschaffung aber auch vor neuen Herausforderungen. So halte der Trend zur Reduzierung der Fertigungstiefe an. Reinelt nannte in diesem Zusammenhang die Stichworte Outsourcing und Offshoring. Gleichzeitig sei eine wachsende Ausdehnung der Beschaffungsmärkte zu beobachten – und das lokal, regional und global.

„Erfolgreiche Einkäufer haben die Gefährdungspotenziale der Supply Chains stets im Blick. Manche Risiken lassen sich vorhersehen und damit auch beherrschen“, so Reinelt weiter. Dazu zählten unter anderem Währungsschwankungen, volatile Rohstoff- und Energiepreise, steigende Lohnkosten, Bedarfsschwankungen sowie Leistungsstörungen bei Lieferanten. Den Einkäufern bieten sich laut Reinelt zahlreiche Hebel zur Gestaltung agiler Supply Chains. Sie könnten beispielsweise in der Entwicklung neuer Firmenprodukte durch die Integration geeigneter Lieferantenpotenziale einen wertvollen Beitrag zum Geschäftserfolg leisten.

Nischenmärkte und Oligopole sollten gemieden, Vertragslaufzeiten je nach Bedarf verringert oder verlängert werden. Damit die Supply Chain wetterfest gemacht werden könne, sollte der Einkauf u.a. nach Substituten und Alternativlieferanten suchen, um die Beschaffungskosten unter Kontrolle zu halten und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dies gilt insbesondere für kritische Rohstoffe und Single-Source-Situationen.

Auf kritische Veränderungen im Beschaffungsmarkt machte Stephan Anliker, Director Operations der Endress + Hauser Flowtec AG, aufmerksam. Das in Reinach ansässige Unternehmen produziert industrielle Durchfluss-Messgeräte für Flüssigkeiten, Gas und Dampf. Der Schweizer Mess- und Regeltechnikhersteller beschäftigt sich schon heute mit den Zukunftsfragen des Einkaufs: Werden die (Produkt-)Kosten primär durch die Rohmaterial- oder durch die Herstellkosten bestimmt? Wird die künftige Wettbewerbsfähigkeit durch die globale oder regionale Beschaffungs- und Herstellungsbasis sichergestellt?

Die Wertschöpfungskette wird nach Anlikers Meinung durch drei Faktoren beeinflusst, die als Kostentreiber insbesondere von Einkäufern kritisch beobachtet werden. Dazu zählen die schwindenden Ölvorräte bei stetig steigendem Energiebedarf, die Verknappung von Rohmaterialen sowie der Umweltschutz. Anliker hält es für wahrscheinlich, dass sich die Preise für Rohöl und andere wichtige Rohstoffe langfristig parallel entwickeln. Als weitere Zukunftsszenarien hält er steigende Material- und Energiekosten ebenso für möglich wie die Verlagerung von Produktionsstätten mit hohem Energiebedarf. Der Fokus des Einkaufs werde künftig auf den Material- und Energiekosten liegen. Dafür nehme die Bedeutung der Arbeitskosten ab.

Die Endress + Hauser Flowtec AG stellt ihre Produkte in der Schweiz, Frankreich, USA, Indien und China her. Das Unternehmen verfolgt eine ehrgeizige Beschaffungsstrategie. Das Konzept „2015+“ zielt darauf ab, das Regional Sourcing in Osteuropa, Indien, China und Amerika zu intensivieren. Südostasien soll laut Anliker als zusätzliche Beschaffungsregion für elektronische Komponenten erschlossen werden: „Unser Firmennetzwerk muss fähig sein zu überleben, auch wenn einer der Hauptbeschaffungsmärkte, aus welchem Grund auch immer, zusammenbrechen sollte.“

„Die Rolle des Einkaufs hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert – weg vom Sachbearbeiter hin zum strategischen Beschaffer“, betonte Rudolf Schwarz, Einkaufsleiter der voestalpine Stahl GmbH, Linz. Während früher der Anteil des Einkaufs an den Gesamtkosten eines Unternehmens lediglich bei zehn bis 20 Prozent gelegen habe, seien es heute bis zu 60 Prozent; in der Elektroindustrie sogar bis zu 90 Prozent. Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 hätten die Firmenleitungen den Einkauf als wichtigen Stellhebel zur Kostenoptimierung entdeckt. Schwarz: „Einkaufserfolg ist direkt ergebniswirksam.“ Dazu gehöre auch der effektive Umgang mit zeitlichen Abläufen. In der voestalpine-Beschaffungsabteilung laute daher das Motto: Nichtwertschöpfende Tätigkeiten dürfen keine menschlichen Ressourcen binden. Der Linzer Hersteller von Flachstahlprodukten setzt deshalb auf den Einsatz elektronischer Hilfsmittel wie beispielsweise dem E-Procurement.

Zum erfolgreichen Einkauf gehöre auch ein ausgeglichenes Wechselspiel zwischen den Bedarfen des Unternehmens, den aktuellen Marktsituationen, dem Lieferantenpool und den Bedarfsträgern. Im Rahmen ihrer Neuausrichtung will die Division Stahl des österreichischen Industriekonzerns Schwarz zufolge „durch erfolgreiche Partnerschaften Mehrwert schaffen“. Dazu gehöre auch, mit den Lieferanten fair, partnerschaftlich und auf Augenhöhe zu kooperieren. Auf dieser Basis könne voestalpine Stahl am besten auf die wachsenden Marktvolatilitäten reagieren.

Am Rande der Tagung berieten die Verantwortlichen des Bodensee-Forums über eine Neuausrichtung des Veranstaltungskonzepts mit dem Ziel, die Attraktivität der Fachveranstaltung weiter zu steigern. „Um möglichst vielen Einkäufern aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein die Teilnahme am Bodensee-Forum zu ermöglichen, werden wir unser Event künftig schon Ende April durchführen“, informierte Paul Hofmann, Vorstandsvorsitzender der BME-Region Bodensee-Oberschwaben. Gedacht sei auch daran, Einkäufer benachbarter BME-Regionen wie Südbayern, Ulm-Donau-Iller-Riß Schwarzwald Baar-Heuberg oder Reutlingen nach Dornbirn einzuladen. Im Anschluss an die Referenten-Fachvorträge können die Teilnehmer künftig in Round Tables ihre Meinungen austauschen“, so Hofmann abschließend.

Save the Date: Das 6. Internationale Bodensee-Forum für Einkauf und Materialwirtschaft findet am 23. April 2013 in Dornbirn/Vorarlberg statt. Vorläufiges Motto: „Navigieren in volatilen Beschaffungsmärkten – immer eine Bootslänge voraus“.

  • Referent Rudolf Schwarz (links im Bild), Einkaufsleiter der voestalpine Stahl GmbH, und Paul Hofmann, Vorstandsvorsitzender der BME-Region Bodensee-Oberschwaben
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  • Mag. Markus Metzger, Geschäftsbereichsleiter Betriebswirtschaft im WIFI Vorarlberg (Fotos: Manfred H. Müller, BME-Region Bodensee-Oberschwaben)
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